Sonntag, 7. Juli 2013

PROJECT GREEN - book review: "TIERE ESSEN"


Seid mir gegrüßt, 

herzlich willkommen zum nächsten Post der Grünen Reihe. Dies ist erst der zweite, und trotzdem gehen mir schon die kreativen Begrüßungen aus. Bezeichnend? 

Heute also die Review zu einem Buch, welches nicht nur eine weltweite Reaktion ausgelöst hat, sondern    unwiderruflich zu den Büchern gehört, die ich jedem einzelnen ans Herz legen würde. Weil es wichtig ist. Weil es Dinge enthält, die jeder wissen sollte, zu denen aber nur die wenigsten etwas sagen können. 




Tiere Essen
Jonathan Safran Foer


Dass J. S. Foer ein begnadeter Autor ist, weiß man spätestens nach seinen Romanen Alles ist erleuchtet und Extrem laut und unglaublich nah. Doch besonderes Aufsehen hat er mit seinem 2009 erschienenen Sachbuch Tiere Essen erweckt. Darin wirft er nicht nur einen umfassenden Blick auf die Massentierhaltung, sondern ebenso auf unsere eigenen (Ess)gewohnheiten und die Denkmuster, die wir anwenden, sobald es ums Essen von Tieren geht. Die Besonderheit des Buches ist - neben der faktualen - vor allem seine philosophische Ebene. 

Angefangen hat alles mit der Geburt von Foers erstem Kind. Wie viele andere Menschen hatte er bisher einen ständigen Wechsel zwischen Vegetarismus und Fleischkonsum hinter sich, doch an diesem Punkt in seinem Leben stellte er die Frage danach nicht mehr nur für sich selbst. Mit der Verantwortung für sein eigenes Kind konfrontiert, wollte er dem Thema Ernährung auf den Grund gehen, wollte ein völlig transparentes Bild davon erhalten, um entscheiden zu können, wie er seine Kinder auf die bestmögliche Weise ernähren und erziehen könnte. 




Während seiner Recherche sprach er mit Vertretern verschiedenster Parteien - Schlachthofmitarbeitern, Aktivisten, Landwirten. Im Buch gibt er ihre Aussagen wieder, stellt sie einander gegenüber, ohne darüber zu richten. Nebenbei gewährt er Einblick in seinen eigenen gedanklichen Prozess, erzählt Episoden aus seiner Kindheit und schafft eine persönliche Ebene, mit der man sich als Leser sofort identifiziert. Es herrscht ein ständiger Wechsel von Gedankenbericht und Reportage, Fakten und Gefühlen. Durch die Teilhabe an Foers Denkprozess werden wir Zeuge einer Entwicklung, die sich zeitgleich auch in uns vollzieht. 

Doch Jonathan Safran Foer hinterfragt nicht nur sich selbst, sondern das komplette System der Massentierhaltung. Ein System, das ausnahmslos hinter verschlossenen Türen stattfindet und dessen Realität konsequent vor uns versteckt wird. Er bricht zusammen mit einer Tierschützerin in einen Geflügelhof ein, besucht Farmen und Schlachthöfe, hakt dort nach, wo andere aufhören, Fragen zu stellen. Was er ans Licht bringt ist manchmal kurios, oftmals grausam, doch fast immer schockierend. Denn obwohl wir vieles davon eigentlich wissen, haben wir das meiste in unseren Hinterkopf geschoben, dorthin, wo es unsere täglichen Routinen nicht stört. Es schwarz auf weiß zu lesen ist jedoch etwas anderes, denn es erlaubt uns nicht, sich davor zu verstecken. Dazu braucht es keine emphatische Überzeugungsrede , keinen ausgeschmückten Detailbericht - die nüchtern beschriebene Realität ist es, die erschüttert. 




Denn nichts anderes ist es doch, was dieses Buch enthält: Routinierte tägliche Abläufe, die weltweit an der Tagesordnung sind. Dass Tiere essen in Amerika verfasst wurde, ändert nichts an der Aktualität seiner Themen - in Deutschland sieht es beinahe genauso aus. Wieso also reagieren wir so stark auf das, was wir darin finden? Wollen am liebsten gar nichts davon wissen und lieber wegschauen? Allein diese Frage enthält bereits einen Großteil der Antwort und die Welle, die das Erscheinen des Buches ausgelöst hat, ist ebenso bezeichnend. 


"Uns gut zu fühlen, das ist nicht das Wichtigste, das wir im Leben machen können. Es gehört sicherlich zu einem guten Leben dazu, aber es kann nicht das Ziel sein. Man sollte versuchen, sich so in der Welt zu bewegen, dass man Leiden reduziert. Ein gutes Leben bedeutet, sich im Spiegel anzusehen und sagen zu können: Das bin ich, und ich bin nicht perfekt, aber ich versuche, achtsam mit den Dingen umzugehen, die wirklich zählen."

Zitat: J. S. Foer
(Quelle: Interview auf Spiegel Online - KLICK!)


Es ist die Tatsache, dass Foer uns erlaubt, eigene Schlüsse zu ziehen, die dieses Buch so professionell macht. Nie formuliert er explizit die Aufforderung, vegetarisch/vegan zu leben, auch wenn es das ist, wofür er sich selbst entschieden hat. Andererseits wird auch niemand mit Samthandschuhen angefasst, denn was wir zu lesen bekommen, sind ungeschönte, klare Fakten. Fundiert recherchierte Tatsachen werden vor uns ausgebreitet, die wir nicht wegdiskutieren, nicht mehr einfach vergessen können. Die Wirtschaftslage und das System der Massentierhaltung sind genau so, wie sie beschrieben werden und wir tragen mit unserem Konsumverhalten unbewusst dazu bei. Davor können wir uns nicht verstecken, das können wir nicht leugnen - wenn wir uns für eine bestimmte Art zu leben entscheiden, müssen wir akzeptieren, dass wir damit immer zu etwas Größerem beitragen. 




Ich empfehle dieses Buch nicht, weil ich jemanden missionieren oder ihm Schuldgefühle einreden möchte. Ich halte auch niemanden für etwas besseres, wenn er es gelesen hat. Darum soll es nicht gehen, Überheblichkeit war und ist nie eine Lösung. Ich denke aber, dass zu einem bewussten Leben auch das Wissen über die Folgen des eigenes Handelns gehört, eine intensive Beschäftigung mit der persönlichen Lebensart. In einer Gesellschaft, die zu neunzig Prozent vom Konsum bestimmt ist, kann es nie schaden, diesen zu hinterfragen und auf Grundlage dieses Wissens seine eigenen Entscheidungen zu treffen. 


Ich hoffe, manche fanden die Rezension (die weniger eine Rezension, als ein persönlicher Eindruck war) nützlich oder haben einen Anstoß erhalten, sich das Buch zuzulegen. Gegenüber allen anderen möchte ich nochmals betonen, dass dies kein persönlicher Angriff gegen Menschen sein soll, die mit solchen Themen nichts am Hut haben wollen. Es gibt also keinen Anlass für hitzige Diskussionen oder Rechtfertigungen. Von den Menschen, die ich zu meinen besten Freunden zähle, hat kein einziger dieses Buch gelesen. Soviel dazu. 


Ich wünsche euch einen traumhaften Start in die neue Woche,
wir lesen uns im nächsten Post! 





Kommentare:

  1. Dein Kommentar hat mich wirklich sehr gefreut, vielen lieben Dank. :) Ja, ich habe festgestellt, dass Superman und ich wohl auch nach diesem Film nicht so recht Freunde werden können - ziemlich schade, da ich den Trailer echt grandios fand!
    Von Jonathan Safran Foer habe ich bisher nur "Extrem laut und unglaublich nah" gelesen. Ich fand den Roman sehr berührend. Das Buch, das du hier vorstellst, hört sich interessant an ... es ist wirklich wichtig, darüber bescheid zu wissen, wo unser Fleisch eigentlich herkommt und absolut kontraproduktiv, die Augen davor verschließen zu wollen - allerdings hätte ich auch Angst, nach der Lektüre ein schlechtes Gewissen zu haben, da ich auf Fleisch für längere Zeit wahrscheinlich nicht verzichten könnte. Trotzdem hast du mich gerade sehr aufmerksam auf das Buch gemacht; ich glaube, ich setze es gleich mal auf meine Amazon-Wunschliste, auch weil mich der Autor sehr anspricht. Bist du selbst eigentlich Vegetarierin? :)

    Liebe Grüße
    Vanessa

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  2. Ein wirklich schöne Book-Review. :) Ich hatte das Buch schön öfters in der Bücherei in den Händen und habe überlegt ob ich es nun mitnehmen soll oder nicht. Schließlich weiß ich was dort drin stehen würde, hab mich ja auch so schon viel mit dem ganzen Thema beschäftigt.
    Vielleicht werde ich es mir jetzt doch mal ausleihen und ein bisschen reinschnuppern. :)

    Liebe Grüßchen
    Nina

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  3. Sehr guter Post! Am besten gefällt mir deine Aussage "In einer Gesellschaft, die zu neunzig Prozent vom Konsum bestimmt ist, kann es nie schaden, diesen zu hinterfragen..." - Da stimme ich 100%ig zu und deshalb find ich deine green Posts so gut!
    LG

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  4. Sehr sympathische Rezension! Genau die richtige Mischung aus Inhalt und eigenem Eindruck. Hat mir auf jeden Fall Lust auf mehr gemacht und kommt auf meine Wunschliste. (:

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  5. Hört sich interessant an :)
    Übrigens: Die Sprüche habe sind alles gesammelte Werke die ich mal irgendwo gelesen/gehört habe. Ich sammel sie alle in einem Buch und schreibe sie "Thematisch" dort rein. Da findet man also meistens etwas passendes ;).

    Freue mich schon auf deinen nächsten Post!

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  6. Das Buch klingt echt interessant & spannend, was er alles herausgefunden hat. Es ist aber keine wirkliche Geschichte, die erzählt wird, sondern eher wie eine Doku? Hab ich das richtig verstanden?
    Wie du ja weißt bin ich weder Vegetarierin noch Veganerin, aber ich brauch auch nicht jeden Tag Fleisch-so gab es heute z.B. Salat :)

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  7. Hast du denn schon überlegt, einmal auf vegane Ernährung umzusteigen? Genau, man hat einfach Angst, dass solche Fakten die eigene Denkweise radikal verändern. Vielleicht helfen sie aber auch, mit sich selbst und mit seinem Verhältnis zu Tierprodukten mehr im Reinen sein zu können. Auf jeden Fall sollte man zumindest aufgeklärt sein.
    Was selbstgemachte Marmelade angeht, gebe ich dir absolut recht. :D Einmal probiert, mag man die aus den Läden gar nicht mehr. :)

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  8. Der Post ist echt toll! Ich mag es, wie du die Bilder gestaltet hast. Sieht echt schön aus!

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  9. Eine sehr schöne Review :) Toll, wie viel Mühe du dir mit dem Projekt und den Posts gibst! Ich habe schon von vielen gehört, wie toll das Buch sein soll (und dass jeder, der es liest, Vegetarier wird ;)), und werde es, wenn es mir mal in die Hände fällt, bestimmt auch lesen. Vor allem, weil ich mich (da ich früher Vegetarierin war und mich viel mit dem Thema beschäftigt habe) irgendwie frage, was ich noch Neues lernen kann und was das Buch so unglaublich toll macht.

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